
Was war eigentlich der schönste Moment der letzten Wochen?
Wenn ich ehrlich bin, fällt mir nichts Großes ein. Kein Urlaub, kein besonderer Tag, nichts, was man fotografieren und herzeigen würde. Sondern: Eine Folge King of Queens mit Flo schauen. Oder 2. 😊 Die Partie Carcassonne mit den Kids. Valerie und ich, die über irgendwas Blödes lachen. Ferdi, der neben mir steht und beim Kochen hilft. Toni, der sich einfach anlehnt.
Lauter Momente, die man nicht erzählt, wenn dich wer fragt, wie’s grad so läuft.
Unspektakulär heißt nicht unwichtig
Ich hab lange geglaubt, das Leben passiert woanders. In den großen Momenten. In dem, was man sich vornimmt, plant, erreicht. Im ersten großen Erfolg. In der ersten Reise auf eine tropische Insel. Im Kennenlernen des perfekten Mannes. … Und dazwischen liegt halt der Alltag, den man irgendwie hinter sich bringt.
Nur: Der Alltag ist nicht das Dazwischen. Er ist das Meiste. Und wenn ich in den Momenten nicht da bin, dann bin ich das meiste Leben lang nicht da.
Das Verrückte ist ja, dass diese Momente überhaupt nichts brauchen. Kein Ziel, kein Ergebnis, keine Entwicklung. Eine Runde Würfelpoker ist einfach eine Runde Würfelpoker. Eine Tasse Tee einfach nur eine Tasse Tee.
Wobei, dass diese Momente überhaupt nichts brauchen, stimmt so nicht ganz. Sie haben etwas. Und das ist Präsenz. Das vollkommene Da-Sein im Moment. Dann ist das, was im Außen passiert, nebensächlich. Und es kommt noch besser: Sogar dann, wenn etwas passiert, das ganz und gar nicht „gut“ ist, macht’s einem nix mehr. Vielleicht fängt man sogar an, über solche Momente zu schmunzeln. 😉
Das Wort, das ich streichen will
Ich merk, wie oft ich „müssen“ sag. Ich muss noch. Wir müssen dann. Da müssen wir hin. Du musst noch.
Fast nichts davon stimmt. Das meiste will ich, oder ich hab mich mal dafür entschieden, oder es ist einfach dran. „Müssen“ macht aus jedem davon eine kleine Last – und aus dem Tag eine Liste.
Ich probier, das Wort loszuwerden. Nicht als Methode. Ich hör einfach hin, wenn ich’s sag, und schau, ob’s überhaupt stimmt. Meistens nicht. Eigentlich ja nie.
Und was mir nicht guttut, weiß ich eh
Viel Bildschirmzeit. Zu spät schlafen gehen. Treffen, die nur aus Höflichkeit geschehen.
Alle drei haben dasselbe gemeinsam: Sie holen mich raus. Weg von dem, was grad ist, hin zu irgendwas Nächstem.
Und genau davon lebt das Ego. Es braucht das Nächste – die nächste Folge, den nächsten Wisch, das nächste Ziel. Im Jetzt hat es schlicht nichts zu tun.
Deshalb sind die unspektakulären Momente so still. Da ist nichts Nächstes. Da ist nur das.
Erfahren, nicht wissen
„Weisheit ist nicht mitteilbar“, schreibt Hermann Hesse im Siddhartha. Erkenntnis lässt sich nicht weitergeben – man kann sie nur selber machen.
Und genau da liegt der Haken. All das hier kann man nicht leben, weil man’s irgendwo gelesen hat. Oder gehört. Oder weil irgendein Coach es sagt. Man kann es nur erfahren.
Es nützt ja nichts, im Kopf zu haben: „Ich brauch nicht mehr als das hier.“ Wenn du dann dasitzt und präsent sein willst, und der Kopf ist trotzdem schon bei der nächsten Sache. Oder in gestern. Oder in nächster Woche.
Wissen und Spüren sind zwei verschiedene Dinge. Verändern tut sich erst was, wenn man’s spürt.
Nichts Besonderes
Ich schreib das hier also nicht, damit du’s weißt.
Eher, damit du beim nächsten Mal vielleicht kurz hinschaust, wenn wieder so ein Moment da ist, der nach gar nichts aussieht.
Eine Folge King of Queens reicht. Oder zwei. 😉
Von Herzen, Christina
